Norderney und seine Geschichte

Norderney wurde um 1400 herum erstmals urkundlich erwähnt.

Sturm, Strömungen und der Wellengang der Nordsee waren es, die vor über 2000 Jahren nach und nach die Ostfriesischen Inseln entstehen ließen, die erstmals in den Berichten von Strabon, einem griechischen Geografen, im Jahr 12 v. Chr. erwähnt werden. Eine weitere Erwähnung folgte um 79 n. Chr. bei Plinius dem Älteren in seiner Naturalis historia. Jedoch blieben die Inseln bis auf Borkum namentlich unerwähnt. Auch veränderten sich die unbefestigten Inseln anfänglich stark in ihrer Lage und Form und tun es bis heute. Norderney selbst hat sich zwischen 1650 und 1950 im östlichen Teil um über 6 km erweitert.

Die erste urkundliche Erwähnung der Insel, die heute Norderney ist, fällt in die Zeit der ostfriesischen Häuptlinge zwischen 1350 und 1464. Damals war das Gebiet des heutigen Norderneys Teil des Herrschaftsgebiets der Häuptlingsfamilie tom Brok aus dem Brookmerland. In einer Lehensurkunde zwischen Herzog Albrecht von Bayern, zugleich Graf von Friesland, und den ostfriesischen Häuptlingen Widzel tom Brok und Folkmar Allena vom 11. September 1398 werden zwischen den Inseln Juist und Baltrum die Inseln Burse und Oesterende erwähnt. Man nimmt an, dass Oesterende bei der Zweiten Marcellusflut im Januar 1362 entstand, als die Insel Buise auseinandergerissen wurde. Aus dem östlichen Teil Oesterende (bis 1406 Ostende) wurde schließlich im 16. Jahrhundert „Nynorderoog“ oer auch „Norder neye Oog“ (Norder neue Insel), das heutige Norderney. Der westliche Teil Buises verschwand zwischen Mitte und Ende des 17. Jahrhundert in den Fluten der Nordsee. Norderney ist damit die jüngste der Ostfriesischen Inseln. Seit wann dort Menschen leben, ist nicht genau bekannt, man nimmt an, dass sich zwischen dem 13. und 14. Jahrhundert die ersten Bewohner dort niedergelassen haben.

Das Inseldorf, die heutige Stadt Norderney, entwickelte sich ab 1688. Zunächst lebten dort meist freie Erbpächter, die sich mit dem Fischfang (vor allem von Angelschellfisch), der Muschelzucht und der Bergung von Strandgut buchstäblich über Wasser hielten. Die Zeiten waren hart auf Norderney und die Lebensbedingungen nicht mit den fast schon paradiesisch anmutenden Zuständen auf dem Festland zu vergleichen. Im Jahr 1750 lebten 450 Menschen auf der Nordseeinsel.

Ein holpriger Start

Foto: Walter Rademacher / Wikipedia [CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0) or GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html)], via Wikimedia Commons
Foto: Walter Rademacher / Wikipedia [CC BY-SA 3.0 or GFDL], via Wikimedia Commons

Das Norderney, das wir heute kennen, würde es wohl nicht geben, wenn Medizinalrat Dr. Wilhelm von Halem im Jahr 1797 nicht die Errichtung einer Badeanstalt auf der Insel gefordert hätte. Bis zur Eröffnung der Seebadeanstalt dauerte es aber noch drei Jahre, so dass manchmal 1797 und manchmal das Jahr 1800 als Gründungsjahr angesehen wird.

Doch schon kurz nach der Eröffnung erlitt das Seebad einen herben Rückschlag, als 1805 aus der Angst vor Krieg die Gäste ausblieben. Von 1806 bis 1813 war Norderney dann von französischen Truppen besetzt, die von der Insel aus den Kutschverkehr über das Watt kontrollierten. Aus dieser Zeit zeugen auch noch viele Bezeichnungen auf der Nordseeinsel, wie zum Beispiel die Napoleonschanze an der Mühle und Flurnamen wie die Soldatendüne nahe des Campingplatzes Um Ost. Auch das Name Zuckerpatt stammt aus dieser Zeit. Er wurde damals von den Insulanern als Schmuggelpfad genutzt.

Die erste Glanzzeit

Vom Hafen in Norddeich aus werden jährlich rund 2,25 Millionen Menschen und 175.000 Fahrzeuge zu den Inseln Juist und Norderney transportiert.
Vom Hafen in Norddeich aus werden jährlich rund 2,25 Millionen Menschen und 175.000 Fahrzeuge zu den Inseln Juist und Norderney transportiert.

Aufwärts ging es als Ostfriesland auf dem Wiener Kongress 1815 dem Königreich Hannover zugeordnet und das Seebad nach 1819 als königliche Seebadeanstalt betrieben wurde. Damit veränderte sich die soziale und wirtschaftliche Struktur der Insel maßgeblich. Es wurden Gebäude wie das Conversationshaus, das Basargebäude und das Kurhotel erbaut und Georg V von Hannover erklärte Norderney zu seiner Sommerresidenz und damit zum gesellschaftlichen Mittelpunkt des Königreichs.

Als das Königreich Hannover von Preußen annektiert wurde, ging es weiter aufwärts. Die Freizügigkeitsbeschränkungen wurden aufgehoben, die Niederlassungs- und Gewerbefreiheit eingeführt und die Insel erlebte ihren ersten richtigen Boom. Die Bevölkerung stieg auf über 4000 Menschen an und bis zum Ende des Jahrhunderts kamen 25.000 Badegäste pro Jahr auf Norderney. Mit den Touristen veränderte sich auch das Bild der Insel. Gebäude um Gebäude entstand, wie zum Beispiel die Bremer Häuser 1883 die den Beginn der Kaiserstraße markierten. Die Seebäderarchitektur bis zur Viktoriastraße folgte und Norderney verwandelte sich mehr und mehr in ein mondänes Seebad. Und noch einmal wurde Norderney zum gesellschaftlichen und politischen Mittelpunkt seiner Zeit, als Reichskanzler von Bülow die Insel von 1906 bis zum Ausbruch des 1. Weltkriegs zu seinem Sommerwohnsitz erklärte. Viele außenpolitische Krisen wurden damals von Norderney aus behandelt, wie etwa der Sansibarvertrag über den territorialen Austausch des Caprivizipfels im Nordosten Namibias. Doch die Kriegsjahre veränderten vieles und es dauerte lange, bis sich die Insel davon erholte.

Die Kriegsjahre

Der große Vorteil der Insel: alle Sehenswürdigkeiten sind fußläufig erreichbar.
Der große Vorteil der Insel: alle Sehenswürdigkeiten sind fußläufig erreichbar.

Doch an sich verlief auch die Zeit zwischen den Kriegen vergleichsweise gut für die ostfriesische Insel. Schon im ersten Jahr nach dem 1. Weltkrieg kamen die ersten Badegäste wieder nach Norderney und der Inseltourismus begann erneut zu boomen, nachdem die Norddeutsche Lloyd Norderney in den Sommermonaten auf direktem Seeweg über Helgoland von Bremerhaven aus anfuhr. In dieser Zeit entstanden viele Hotels, Pensionen und Logierhäuser auf Norderney und das gesellschaftliche Leben auf der Insel stieg wieder zu alter Größe auf. Auch das jüdische Leben blühte auf der Insel. Es gab eine Synagoge, es wurden koschere Lebensmittel angeboten und es gab sogar ein Hotel unter jüdischer Leitung, das auf Hebräisch warb. 1931 wurde das Wellenbad als erstes seiner Art in Europa eröffnet. 1939 konnte man mit 48.000 Gästen eine Rekordsaison feiern.

Es kam der 2. Weltkrieg, in dem Norderney zum militärischen Sperrgebiet erklärt und zur Seefestung ausgebaut wurde. Außerdem war die Nordseeinsel Ziel der Kinderlandversicherung, aber leider auch von Bombenangriffen. Die Nordheimsiedlung, die Gebäude rund um die Mühlenstraße und die Sporthalle zeugen noch heute von dieser Zeit, als Kasernen und Wohngebäude für die Soldaten und Offiziere dort errichtet wurden. Doch auch der Krieg ging vorüber und nachdem die Betten in den Hotels zunächst für Flüchtlinge und das Germania Hotel als Erholungszentrum für britische Soldaten genutzt wurden und daneben auch der Schwarzhandel blühte, kamen nach der Währungsreform 1948 auch die Badegäste wieder.

Von den 50er Jahren bis heute

Seit den 50er Jahren geht es mit Norderney stetig aufwärts. Die Kureinrichtungen konnten ab 1952 wieder genutzt werden. Buchten sich die Touristen zunächst vor allem in Hotels und Pensionen ein, so sind es jetzt mehr und mehr Ferienhäuser und Ferienwohnungen, die die Reisenden anziehen. Die 100.000-Besucher-Marke konnte 1959 geknackt werden, das 200-jährige Jubiläum des Seebads wurde am 17. Mai 1997 mit über 260.000 Gästen gefeiert. Durch beträchtliche Investitionen in die Infrastruktur der Insel ist Norderney heute das führende Nordseebad in Ostfriesland.